QuoVadis – baulicher Schallschutz

Fast 3 Jahrzehnte sind vergangen, seit der letzten baurechtlichen Einführung der DIN 4109:1989-11 -Schallschutz im Hochbau-. Man ist geneigt, die Redensart „Was lange währt, wird endlich gut“ in den Mund zu nehmen, etwas genauer sollte man aber doch hinschauen, bevor zu leichtfertig v. g. Äußerung über die Lippen kommt.

Grundlage der Einführung in den Bundesländern soll danach die Muster – Verwaltungs-vorschrift Technische Baubestimmungen (MVV-TB) mit Stand 31.08.2017 sein. Die Bundesländer wiederum nehmen Bezug hierauf oder die MVV-TB als Vorlage, um ggf. mit Änderungen versehen die Inhalte zu veröffentlichen.

Was so einfach klingt, läßt absehbar jedoch erst mal ein gewisses Chaos im Planungsprozess, d. h. der landesspezifischen Anwendung erwarten. Während im Mai 2017 die MVVTB noch mit der vorgesehenen baurechtlichen Einführung der
DIN 4109:2016-7 in den Teilen 1, 2 und 31-36 sowie ergänzenden Hinweis auf 4109-1/A1:2017 aufwartet, verbleibt mit der Ausgabe August 2017 lediglich der Teil 1 – Mindestanforderungen - und verweist hinsichtlich des rechnerischen Nachweises auf die Möglichkeit der Anwendung der v.g. Folgeteile.

Richtig ist ja zunächst, dass die Umsetzung der Mindestanforderungen zum Schallschutz als bauliches Mindestmaß geschuldet ist, unabhängig davon, wie dieser denn rechnerisch dokumentiert wird. Bezogen auf die Bauvorlagen werden daher allein deswegen die rechnerischen Nachweise zum baulichen Schallschutz eine gewisse blühende Vielfalt erwarten lassen.

Ungleich unwägbarer wird das ganze Thema jedoch dadurch, dass die z. B. in Baden- Württemberg zum 01.01.2018 eingeführte Fassung der DIN 4109-1:2016-07 (ergänzender VwV-TB Hinweis: DIN 4109-1/A1:2017-1 darf angewandt werden) mit Erscheinungsdatum Januar 2018 durch einen neuen Weißdruck ersetzt, die 2016er Fassung entsprechend zurückgezogen wurde.

Berlin hat zwischenzeitlich als einziges Bundesland die 2018er Fassung eingeführt, hier mit Einschränkungen hinsichtlich der Bewertung von Schienenlärm.

Wie die anderen Bundesländer darauf reagieren sei dahingestellt, exemplarisch wird nachfolgend aber auf die Konsequenzen zum Thema Außenlärmschutz hingewiesen.

Die Anforderungen zum Fassadenschallschutz sind in der DIN 4109-1:2016-07 nach Lärmpegelbereichen in 5 dB-Schritten als Grundlage definiert worden. Für Räume mit erhöhtem Nachtschutzbedarf (Schlafruhe) ist gemäß DIN 4109-2:2016-07 ein Differenzvergleich zwischen Tag-/Nachtbeurteilungspegel vorzunehmen (sofern entsprechende Daten vorliegen) und daraus der maßgebliche Außenlärmpegel zu ermitteln. Während für Räume ohne Nachtschutzbedarf der Tagpegel unverändert zur DIN 4109:1989-11 bestimmend ist, ist i. d. R. bei Ansatz der Nachtruhe mit einem erhöhten Anforderungsniveau zum Fassadenschallschutz zu rechnen.

DIN 4109-1/A1:2017-01 stellt hingegen auf einen Vergleich zum raumartbezogenen Innenpegel ab, d. h. es wird ein „dB-genaues“ Anforderungsniveau definiert, führt im Vergleich zur ehemaligen 5 dB Staffelung zu potenziell bis 4 dB geminderten Fassadenanforderungen.

Vor genannte Anwendungen der Normen (DIN 4109-2 und DIN 4109-1/A1) beziehen sich jedoch auf „kann“, bzw. „darf“-Anwendungen gemäß MVV-TB (bzw. VwV-TB in BW), öffnen damit einer Bemessungsvielfalt nach Gefälligkeit Tür und Tor, eine eindeutige Anwendungsregelung zur Festlegung des Fassadenschallschutzes sieht anders aus.

Ergänzend bleibt zu erwähnen, dass in der DIN 4109-2/A1:2017-01 für Schienenverkehr eine Minderung von 5 dB auf den ermittelten Beurteilungspegel (wegen Anpassung an das Frequenzspektrum) vorzunehmen ist, dieser Ansatz in der DIN 4109-2:2018-01 sich ebenfalls wiederfindet. Da beide Normenteile in der MVV-TB bzw. zum Beispiel in der VwV-TB in Baden-Württemberg nicht aufgeführt werden, ist damit, aus Sicht des Autors, zum aktuellen Stand die Wiedereinführung des „Schienenbonus“ nicht als gegenständlich zu betrachten, kann aber in den folgenden baurechtlichen Einführungen der verbleibenden Bundesländer in Abhängigkeit der hier aufgeführten Normenteile doch wieder relevant werden.

Der Schienenbonus nach Schall 03- „Richtlinie zur Berechnung der Schallimmissionen an Schienenwegen“ wurden zum 01.01.2015 für Schienenwege von Eisenbahnen und wird zum 01.01.2019 für Schienenwege von Stadt- und Straßenbahnen im Grunde abgeschafft, erfährt bei Anwendungsrelevanz v. g. Regelung potenziell eine Renaissance.

Im Resümee bleibt nach derzeitigem Sachstand festzustellen, dass die Arbeit und die vielfach guten Ansätze der neuen Normenfassungen zum baulichen Schallschutz durch den z. Z. stattfindenden Prozess der baurechtlichen Einführung keine geeignete Würdigung findet, das Ziel eine nachvollziehbare Regelung zum Anforderungsprofil und zur rechnerischen Nachweisführung zu schaffen somit Gefahr läuft, in einem breit angelegten Interpretationssumpf unterzugehen.

Als Berater stehen wir Ihnen selbstverständlich gerne zur Verfügung, um für Ihr Bauvorhaben eine geeignete Basis zum baulichen Schallschutz zu definieren und im Planungsprozess umzusetzen.